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In der Februar-Ausgabe 09

Schreib mal wieder!Dagmar Arzenbacher erinnert sich an Bilder aus der Kindheit

Obwohl ich noch nicht schreiben konnte, musste ich mich für das Geschenkpäckchen meiner Tante Hanni bedanken, die viele Eisenbahnstationen entfernt wohnte. Auf einem kleinem Stück Papier malte ich ihr ein Bild mit Buntstiften. Wenn ich Auftragsmalerin war, beschränkte sich meine Kunst auf das Übliche: ein Baum, die Sonne, ein Haus.

Die Tante freute sich über Post, wartete auch sehnsüchtig auf meinen Brief und die Bestätigung, dass sie mit ihrem Geschenk die richtige Wahl getroffen hatte.

Meine Mutter schickte ihr zeitgleich einen längeren Bericht über die vergangenen Festtage. Sie schrieb mit einem Füller, setzte schnörklige Schriftzeichen auf die Zeilen und benutzte besonderes Briefpapier. Es war zart-gelb, an den Rändern etwas gewellt, und oben stand ihr Name, in Schmuckschrift eingestanzt. Aber die Briefumschläge erst! Sie waren gefüttert – wie Mamas Röcke und Kleider. Seidiges Papier, kostbar fühlte es sich an.

Dieses Briefpapier hütete meine Mutter wie einen Schatz in einer verzierten Holzschachtel. Es wurde nur für besondere und liebenswerte Personen benutzt. Manchmal durfte ich ihren Briefen mit der Feder die Anfangsbuchstaben meines Namens hinzufügen. Ich fand es aufregend den Füllhalter nachzufüllen, die Tinte aus dem Tintenfass aufzuziehen, bis die kleine Innenhülse satt war. Das erforderte Geschicklichkeit. Ein Löschblatt lag stets griffbereit, und die abgetropften Tintenreste ergaben überraschende Punktmuster und Klecksgestalten, die sich langsam ausdehnten und auch auf meinen Fingern Spuren hinterließen.

Meine Mutter beendete Briefe mit einer schwungvollen Unterschrift und griff danach zum Tintenlöscher. Er sah wie eine Wiege aus, war mit Löschpapier bespannt und hatte einen polierten Holzgriff. Mutter schaukelte damit ein paar Mal über die Schriftzeichen, pustete ein bisschen, faltete ihren Brief zwei Mal und steckte ihn zusammen mit meiner Zeichnung, in den Umschlag. Dann zog sie den gummierten Klebestreifen des Umschlags über ihre Zunge und klopfte den Brief zu. Ich kann mich noch genau daran erinnern…

 

Der Brief an meine Tante musste frankiert werden. Meine Mutter hatte ein aufklappbares Schächtelchen mit vier Fächern für die Briefmarken. Ich beleckte gern die Klebeseite der Marken und wusste ganz genau, dass sie auf dem Umschlag oben rechts festgeklebt werden müssen.

Manchmal waren sehr schöne Abbildungen auf den Briefmarken. Das verlockte dazu, sie zum Sammelobjekt zu erklären. Alle ankommenden Briefe wurden daraufhin inspiziert. Mein Vater zeigte mir den Trick, wie abgestempelte Marken zu wässern, abzulösen und anschließend zu trocknen sind.

Mein erstes Briefmarkenalbum bekam ich zum Geburtstag. An regnerischen Tagen erfand ich mein eigenes Archiviersystem. Ich sortierte die Marken nach Motiven, nach Schönheit, Größe und erst später nach Ländern oder Persönlichkeiten. Natürlich hantierte ich mit einer Pinzette, weil ich wusste, dass eine Briefmarke, deren Zacken verletzt sind, keinen Wert mehr hat.
Der Brief an meine Tante war nun frankiert, konnte zum Postkasten gebracht werden und verschwand hinter der Klappe. Wer darin wohl die Post sortiert und weiß, dass der Brief für die Tante einige Bahnstationen weit reisen und schließlich in ihrem Briefkasten am Gartentor landen muss?

Meine Tante hatte nie heiratet. Ihr Verlobter war im Krieg gefallen, erzählte sie mir. Sie bewahrte seine Briefe in ihrem Wäscheschrank auf. Der Stapel war mit einem roten Bändchen zusammengebunden. Ob die Briefe sie getröstet haben? Ob sie sie manchmal las? Wie lange mag sie gehofft haben, dass er eines Tages zurückkäme? Ob er ihre Antworten erhielt, obwohl er gar keinen Briefkasten besaß? Feldpost – ich stellte mir vor, dass er meiner Tante auf der Wiese geschrieben hatte, mitten im Gras sitzend, dass ein Vöglein geflogen kam, »setzt sich nieder auf seinem Fuß, hat einen Zettel im Schnabel, von der Liebsten einen Gruß…«
(vollständiger Artikel im gedruckten Heft)